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Safety Hour I

Safety Hour II

Safety Hour III

REFRAMING THE ARTIST

GERMAN INDIAN

NOIRE ET BLANCHE

STATUES ALSO DIE

THE MAD MASTERS

IF I WERE YOU-LAS VEGAS NEW YORK BLACKPOOL

THE SWIMMER

SAFETY HOUR

STUDIO INDEX / 1 OUT OF 81

 

 

 

 

 

 

 

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Sascha Pohle

 

Die Arbeit „Safety Hour“, 2003, eine Reihe von drei kurzen, zu Loops geschnittenen Filmen, stellt auch den Pool in den Mittelpunkt. Diesmal ist es jedoch nicht der Künstler selbst, der als Protagonist auftritt, sondern es ist eine anonym bleibende Menge von Badegästen. Alle drei Filme sind wiederum mit einer

fest stehenden Kamera aufgenommen, die die Beckenanlagen mehr oder minder in ihrer Gesamtheit überblickt. In einem der Videofilme sieht man eine sehr weitläufig angelegte Poolanlage, die aus einem zentralen Becken besteht, um das ein zweites Beckenband – ähnlich der Leichtathletikbahn im Stadion – herum gelegt ist. Die Schwimmbecken sind vollkommen überfüllt, so dass im Film kaum Wasser zu

sehen ist. Stattdessen sieht man Tausende von Köpfen, die lediglich als schwarze Punkte wahrgenommen werden, und die sich in vorgegebener Richtung im zentralen Becken sowie in der herumführenden Schwimmbahn bewegen. Im Film sind die Schwimmenden nicht wirklich als Einzelwesen wahrzunehmen, sondern vielmehr als eine Masse, die in ihrer flinken Gerichtetheit eine fast hysterische Aktivität darbietet.

Man mag sich an Momente auf sehr hohen Gebäuden erinnert fühlen, von welchen man tief unter sich dem Treiben zusieht. Es ist deutlich zu erkennen, dass die Menschen in diesen Becken nicht schwimmen, sondern vielmehr gehen. Zum Schwimmen oder Tauchen wäre schlichtweg kein Platz. Dicht an dicht

gedrängt marschieren die Badegäste hintereinander und nebeneinander im Kreis umher. Plötzlich aber leert sich das Becken schlagartig. Alle gehen schleunigst zum Rand und verschwinden aus dem Wasser. Für eine bestimmte Zeit bleiben nun die Bassins leer, lediglich eine Gruppe von uniformierten Tauchern durchzieht mit kräftigen Schwimmzügen das Becken. Daraufhin ertönt ein kurzes Signal, und binnen weniger Sekunden hat sich das Becken wieder gefüllt, und die unzähligen schwarzen Punkte haben wieder ihre Bade-Lauf-Richtung eingeschlagen.

In einem anderen Film dieser Reihe blickt man als Betrachter frontal auf eine große Menge dicht gedrängter Badender, die alle erwartungsvoll in Richtung der Kamera zu gucken scheinen. Dann beginnen große, künstlich erzeugte Wellen, die vor Freude kreischende Menschenmenge durchzuschaukeln. Die einzelnen Badenden werden von den Wellen nur leicht angehoben, da zum wirklichen Spiel mit den Wogen kein

Platz ist. Nach einigen Minuten wird die das Meer imitierende Funktion des Pools eingestellt, und die kollektive Welleneuphorie lässt langsam nach. Die Badenden verlassen daraufhin zum Teil das Becken und wenden sich wieder ihren Familien oder Bekannten zu, bevor sie sich wieder erneut der Wellenschaukel hingeben. Der dritte Film der Reihe ist mit statischer Kamera vom Beckenrand aus aufgenommen, so dass man als Betrachter nun auch wirklich einzelne Individuen ausmachen kann. Der Bildausschnitt ist so gewählt, dass die Badegäste sowohl im Becken als auch um das Becken herum wahrgenommen werden. Wieder ist die Choreographie des Geschehens bestimmt von der einheitlichen Bewegungsrichtung. Und ganz

plötzlich verlassen auch hier alle Gäste das Becken. Man sieht sie nun ungeduldig am Rand stehen, darauf wartend sie bei entsprechendem Zeichen wieder ins Wasser werfen zu dürfen. Die Kurzfilme sind alle in verschiedenen Tokyoer Schwimmbädern entstanden. Während der heißen Sommertage sind diese Bäder so überfüllt, dass gewisse Regeln und Vorschriften aufgestellt werden müssen, die teilweise an Straßenverkehrsordnungen erinnern. Tatsächlich werden die Becken regelmäßig komplett geräumt, um den Wassergrund nach ertrunkenen Kindern oder anderen verloren gegangenen Wertgegenständen abzusuchen. Nach einigen Minuten, wenn die Sicherheitsbeauftragten das Becken nach ihrer Patrouille verlassen haben, dürfen die Badegäste das Wasser wieder für eine Stunde betreten.

Sascha Pohles Titel „Safety Hour“ bezieht sich auf diese Sicherheitsmaßnahmen, welche für westeuropäische Betrachter seltsam anmuten, da sich an ihrer Akzeptanz so ganz offensichtlich ein unterschiedliches Verständnis vom erquickenden Nass, von der entspannenden Schwerelosigkeit im Wasser, von körperlichem

Erlebnis und körperlicher Erholung zu manifestieren scheint. Für westeuropäische Begriffe mag es unvorstellbar sein, sich einen Samstagnachmittag in direktem Körperkontakt mit anderen Badegästen durch ein ob der vielen Badenden überhitztes und extrem gechlortes Wasser zu schieben. Und selbstverständlich erscheint die Frage berechtigt, ob hier nicht das Badeerlebnis im Wasser durch ein Bewegungserlebnis inmitten einer großen Körpermasse ersetzt ist. Auch scheint sich wieder Elias Canettis These zu bestätigen, dass die Menschenmasse ganz offensichtlich nur als Teil der Masse zu ertragen ist (Elias Canetti, Masse und Macht, Düsseldorf 1960).

Doch Sascha Pohles Filme zeichnen sich aufgrund der Wahl einer alles überblickenden und dadurch von den Individuen entfernten Kameraperspektive gerade nicht durch vergleichende anthropologische Studien aus. Es geht bei „Safety Hour“ nicht um eine Untersuchung japanischer Badekultur. Vielmehr wird der

Pool als allgemeinere Metapher, als allegorisches Bild vorgestellt. Und so ist wohl auch der massenhafte Anstrom als Bild eines allgemeinen gesellschaftlichen Phänomens zu lesen.

Es gelingt aber Sascha Pohle mit „Safety Hour“, ein äußerlich sehr friedliches Bild von Gesellschaft zu zeichnen, in welcher sich der Mensch selbst zur Gefahr wird. Während Pohle in „The Swimmer“ die verschiedenen Hotelpools in ihrer in sich ruhenden Abgeschlossenheit als Versprechen einer sicheren Alternative zum nahe liegenden offenen Meer mit all seinen gefährlichen Wettern, Tieren und Strömungen

untersucht, wird mit „Safety Hour“ der angeblich sichere Pool, in dem der Wellengang künstlich hergestellt werden muss, selbst in seiner Unsicherheit sehr direkt angesprochen. Es ist die Menschenmasse, die angetrieben von der Sehnsucht nach Vergnügen und Erbauung, neue ausgefeilte Sicherheitskonzepte

benötigt, um sich nicht gegenseitig totzutrampeln. Der Pool dient in Sascha Pohles Arbeit immer wieder als ein Modell, und die Aufzeichnungen der beobachteten Phänomene um den Pool in Tokyo können demnach als Allegorie einer individuellen und kollektiven Angst vor dem Tod gelesen werden.

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